„Big Brother sprengt gesellschaftliche Konventionen!“

Wolfgang Thaenert, Direktor der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk (LPR Hes­sen), teilt die Kritik des Vorsitzenden der Rundfunkkommission und Ministerpräsidenten des Landes Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, an dem von RTL 2 geplanten Programmformat Big Brother: „Ein Genre, das Menschen allein zum Zwecke der Unterhaltung instrumentalisiert und Voyeurismus salonfähig macht, entspricht nicht den Normen unserer Gesellschaft!“

Die hessische Landesmedienanstalt, die für die Programmaufsicht des Senders RTL 2 feder­führend zuständig ist, erfuhr schon Ende November 1999 von dem geplanten Programmfor­mat „Big Brother“. Ihrem gesetzlichen Auftrag entsprechend, die Programme der privaten Fernsehsender zu beaufsichtigen, befasst sich die LPR Hessen bereits seit diesem Zeitpunkt mit dem Format.

Über eine rechtliche Handhabe im Vorfeld der Ausstrahlung verfügt die LPR Hessen nicht: Die verfassungsrechtlich garantierte Rundfunkfreiheit verbietet eine Zensur im Sinne einer vorherigen Untersagung der Sendung. Die LPR Hessen kann rechtliche Maßnahmen erst nach Ausstrahlung der Sendung ergreifen.

Zur Vorbereitung dieser Rechtsprüfung, die direkt nach der ersten Sendung erfolgen muss, bedient sich die LPR Hessen zunächst der in Holland ausgestrahlten Big-Brother-Sendungen sowie der schriftlichen Unterlagen über das Format.

Im Vordergrund der rechtlichen Prüfung steht – dies kann bereits jetzt festgestellt werden – die Frage, ob die Sendung die verfassungsrechtlich geschützte Menschenwürde verletzt. Die LPR Hessen hat in diesem Zusammenhang auch einen Verfassungsrechtler um eine Bewer­tung gebeten.

Das Ergebnis der Prüfung, das derzeit noch nicht feststeht, kann gleichwohl nur ein erster In­dikator sein: Die Frage, ob „Big Brother“ bei RTL 2 die Menschenwürde verletzt und damit unzulässig ist, kann nur am konkreten Fall, d. h. also an der tatsächlich ausgestrahlten Sen­dung, geprüft werden.

Da sich die Landesmedienanstalten bei Fragen der Programmaufsicht untereinander abstim­men, hat die LPR Hessen auch bereits die Gemeinsame Stelle Jugendschutz und Programm mit dem Problem befasst. Das Sendeformat ist ebenfalls Beratungsgegenstand der heutigen Sitzung der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) in Frankfurt.

Schon nach der Auftaktsendung zu Big Brother am 15. Dezember 1999 hatte Thaenert festge­stellt, dass die von RTL 2 angekündigte Sendeform in einem Maße auf Voyeurismus abziele, der die bisherigen Grenzen überschreitet. In einem Gespräch mit dem Geschäftsführer von RTL 2, Josef Andorfer, war dieser allerdings nicht bereit, auf die deutliche öffentliche Kritik zu reagieren und auf eine Ausstrahlung des Sendeformates zu verzichten. In diesem Zusam­menhang begrüßte Thaenert auch das bereits in Teilen veröffentlichte Schreiben des Vorsit­zenden der Rundfunkkommission: „Die von allen Seiten geäußerte öffentliche Kritik an ei­nem Format, das das Fernsehen zum Testlabor werden lässt und das menschliche Individua­lität und Intimität fast gänzlich verneint, sollte die Programmverantwortlichen dazu bewegen, auf die Ausstrahlung zu verzichten“, so Thaenert. Er hofft, dass er in einem weiteren, für An­fang Februar terminierten Gespräch die Programmverantwortlichen überzeugen kann, das Vorhaben aufzugeben.

Neben der medienrechtlichen Frage, die letztlich die LPR Hessen zu klären haben wird, scheint aus Sicht der hessischen Landesmedienanstalt ein weiterer Aspekt von Bedeutung: Es stellt sich die Frage, ob es sich bei dem der Sendung zugrunde liegenden Konzept (Menschen werden für einen langen Zeitraum vollkommen von der Außenwelt abgeschirmt und rund um die Uhr – quasi öffentlich – beobachtet) nicht im weitesten Sinne um ein „Menschenexperi­ment“ handelt. Ein Experiment mit Menschen, das keinen wissenschaftlichen Hintergrund hat, sondern allein aus kommerziellen Beweggründen vorgenommen wird. Bereits Anfang De­zember 1999 hatte sich die LPR Hessen an die Bundesärztekammer mit der Frage gewandt, ob es sich bei Big Brother nicht um einen „unethischen Versuch am Menschen“ handeln könnte? Ob die Menschen, die an diesem „Experiment“ teilhaben, nicht erhebliche physische oder psychische Risiken eingehen, die sie vorher nicht kalkulieren können? Bedauerlicher­weise hat sich die Bundesärztekammer gegenüber der LPR Hessen zu dieser Frage bislang noch nicht geäußert.
„Big Brother sprengt alle gesellschaftlichen Konventionen und birgt wohl auch für jeden Teilnehmer erhebliche Risiken. Das Format stellt daher eine Programmentwicklung in die fal­sche Richtung dar!“, betonte Wolfgang Thaenert