„Den Anschluss nicht verlieren!“ Diskussion zur Breitbandversorgung in Nordhessen

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Ein schneller Zugang zum Internet ist heute unverzichtbar. Im städtischen Raum stehen dafür zahlreiche leistungsfähige und kostengünstige Produkte zur Wahl. Anders auf dem Land: Theoretisch gibt es zwar auch dort Zugänge zum Internet. „Praktisch verlaufen diese aber nur über die digitale Landstraße“, betonte Gerhard Repp, Präsident der Handwerkskammer (HWK) Kassel, am 7. April.

Die Hessische Landesmedienanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR Hessen) hatte für diesen Tag im Rahmen des Projekts „nordig – Nordhessen digital“ zu einer Diskussion eingeladen. Im TV-Studio des Medienprojektzentrum Offener Kanal Kassel trafen Vertreter aus Wirtschaft, Forschung und Politik zusammen, um gemeinsam über die Breitbandversorgung in Nordhessen zu sprechen.

Professor Wolfgang Thaenert, Direktor der LPR Hessen und damit Gastgeber der Veranstaltung, stellte die Zielsetzung des Projekts „nordig“ vor. Man wolle „zu gemeinsamen Anstrengungen zur Förderung der Informations- und Kommunikationsinfrakstruktur einladen und auffordern“. Hierfür stelle die LPR Hessen Verbindungen zu Programmanbietern und Netzbetreibern als eine Art Netzwerk zur Bündelung der Aktivitäten zur Verfügung.

„In den 80er Jahren dachte man noch, die Digitaltechnik sei ein Segen für die ländlichen Regionen“, erinnerte sich Dr. Walter Lohmeier, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel, zu Beginn der Gesprächsrunde. „Man wertete die digitalen Übertragungswege als Chance, um fehlende Infrastruktur zu kompensieren. Aber diese Chance wurde nicht genutzt.“ Vielmehr drohe dem ländlichen Raum nun, einfach abgehängt zu werden. Bereits heute zögen sich viele wirtschaftliche Leistungsbereiche aus der Fläche zurück. Wegen der steigenden Gefahr des Standortnachteils, habe die IHK Kassel die Breitbandförderung daher zum absoluten Top-Thema erklärt.

Auch Gerhard Repp sieht für die Mitgliedsbetriebe der HWK das Problem einer digitalen Spaltung. Zwar würden klassische Betriebe die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten noch nicht alle nutzen und benötigen. Aber nicht zuletzt durch den Generationenwandel würden die modernen Möglichkeiten auch im Handwerk zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die Betriebe und Unternehmen seien zu 95 Prozent ans Internet angeschlossen, ergänzte Dr. Walter Lohmeier. „Die Qualität der Verbindungen wird aber schon heute oft den Anforderungen des aktuellen Tagesgeschäfts nicht gerecht.“ Eine breit angelegte Umfrage der IHK, der HWK und nordig belege aktuell den Handlungsbedarf.

Professor Dirk Dahlhaus, Leiter des Fachbereichs Nachrichtentechnik an der Universität Kassel, bekräftigte diese Forderung: „In absehbarer Zeit wird sich diese Situation weiter verschärfen“, ist sich der Experte sicher. Die Ansprüche an die Breitbandleistung würden in den nächsten Jahren immer schneller steigen. Hierbei seien die Technologien nicht das Problem, sondern deren Verfügbarkeit. Fraglich sei jedoch, ob sich daran wegen der hohen Kosten auf dem Land so schnell etwas ändern könne. „Langfristig können nur leitungsgebundene Technologien die erforderliche Leistung liefern“, stellte er fest. Als Alternative für die Region würden aber auch Satellitenlösungen zunehmend attraktiver. „In jedem Fall müssen in der Breite bald klare Entscheidungen getroffen werden für zukunftsfeste Lösungen. Sonst dauert es nicht mehr lange und wir überschreiten eine kritische Grenze.“

Für die Versorgung der Kommunen mit schnellem Internet gibt es derzeit unterschiedliche Fördermöglichkeiten. Die Bundesregierung hat dem Thema Breitband eine hohe Bedeutung zugemessen. Doch über das formale Prozedere der Förderung herrscht allgemein noch viel Unklarheit. Gabriele Gottschalk vom Hessischen Wirtschaftsministerium gab hierzu Auskunft. Auch sie sieht dabei dringenden Handlungsbedarf. Ihr Appell an die Gemeindevorstände: „Warten sie nicht bis 2015. Nutzen sie die Zeit, um jetzt anzufangen!“. Wer Fördergelder beantragen möchte, muss sich an einem verbindlichen Förderleitfaden orientieren. Ein wichtiger Aspekt hierbei ist die erforderlich bundesweite Ausschreibung. Als Grundlage muss jedoch in jedem Fall zunächst ein tatsächlicher Bedarf nachgewiesen werden (www.breitbandinhessen.de).

Die Gemeinden hierbei zu unterstützen, ist das erklärte Ziel der Wirtschaftsförderung des Landkreises Kassel. Deren Geschäftsführer Thilo von Trott zu Solz betonte, wie wichtig es sei, die Anträge von Gemeinden zu bündeln und zu strukturieren. Die Wirtschaftsförderung bietet dazu ihre tatkräftige Unterstützung an.

Im zweiten Teil der Veranstaltung beteiligte sich das Publikum am Gesprächsprozess. Andreas Dinges, Bürgermeister der Gemeinde Calden, brachte das Problem deutlich auf den Punkt: „Für den Standort im Herzen Europas ist die Situation einfach nicht hinnehmbar.“

Einig waren sich alle Teilnehmer in der Bedeutung des vernetzten Arbeitens. Prof. Wolfgang Thaenert stellte ein weitergehendes Engagement der Hessischen Landesmedienanstalt im Rahmen ihres Projektes „nordig - Nordhessen digital“ in Aussicht: „Wir sind gerne bereit, gemeinsam mit den Kommunal- und Landesvertretern sowie den technischen Experten Modelle für sinnvolle und finanzierbare technische Lösungen zu entwickeln!“

Die Veranstaltung wurde vom Medienprojektzentrum aufgezeichnet und wird am Donnerstag, 16.04.2009, um 18.21 Uhr im Programm des Offenen Kanals Kassel ausgestrahlt. Das Programm ist im analogen Kabelnetz auf K22 und digital auf Programmplatz 136 zu empfangen.

Kontakt bei Rückfragen: Annette Schriefers, Tel.: 0561/93586-12.