Digitalradio braucht endlich konzertierte Aktion mit politischem Rückenwind

„DAB kommt, aber nicht von selbst! Wir müssen etwas dafür tun! Die Zeit ist reif!“, so das Resümee des Vorsitzenden der technischen Kommission der Landesmedienanstalten Dr. Thomas Hirschle auf dem 3. DIGITAL RADIO-Forum der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) gestern in Frankfurt am Main vor knapp 200 Teilnehmern.

DAB (Digital Audio Broadcasting/Digital Radio) ist die einzig marktreife digitale Übertragungstechnik für Hörfunk. Um DAB bundesweit zum Durchbruch zu verhelfen, bedarf es einer abgestimmten Strategie von Rundfunkveranstaltern, Diensteanbietern, Neztbetreibern, Endgeräteherstellern und gleichzeitig einer stärkeren Planungssicherheit, die die Politik geben muss.

Die ARD-Anstalten, private Sender und Diensteanbieter sollen die Chance nutzen, über Digital Radio neue Angebote zu verbreiten. Dafür hat die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfes (KEF) den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten einen DAB-Gebührenzuschlag bewilligt; dafür sieht der Rundfunkstaatsvertrag eine Förderung der technischen Infrastruktur durch die Landesmedienanstalten vor.

Die einheitliche Ausschreibung für bundesweite Programme und Dienste sollte den Landesmedienanstalten mit dem 6. Rundfunkänderungsstaatsvertrag ermöglicht werden, forderte Hirschle. Über Gleichwellen-Netze ließe sich bundesweit mit minimalem Frequenzaufwand eine beachtliche Steigerung der Angebotsvielfalt über DAB erzielen.

Die Produktion, Promotion und der Verkauf von Endgeräten sei nun massiv voranzutreiben. Die Endgeräte-Industrie müsse spätestens auf der diesjährigen Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin Geräte für Heim und Auto in einem Preissegment von rund 500 DM anbieten.

Michael Daucher, Sprecher der DAB-Kommission im Zentralverband der Elektroindustrie (ZVEI), betonte: „Wir von der Industrie glauben, dass Digital Radio ein Erfolg wird!“. Eine breite Palette von Digital Radio-Empfängern sei in den Markt bereits eingeführt. Bis zur kommenden Internationalen Funkausstellung würden weitere attraktive Produkte folgen.

Der Leiter des Geschäftsbereiches Rundfunk und Breitbandkabel der Deutschen Telekom AG, Volker Steiner, erklärte, dass es mit der Initiative Marketing Digital Radio (IMDR) gelungen sei, einen Schulterschluss aller an der Einführung von Digital Radio Beteiligten - Sendernetzbetreiber, öffentlich-rechtliche und private Programmveranstalter, Endgerätehersteller und Landesmedienanstalten – herbeizuführen. Er sehe eine „enorme Chance“, in den kommenden drei Jahren fast alle Bürger mit Digital Radio erreichen zu können und kündigte eine Marketingkampagne mit einem Volumen von 20 Mio DM an. Diese werde den Mehrwert von Digital Radio für den Nutzer deutlich machen.

Wenngleich die Entwicklung von Digital Radio nur langsam voranschreite, sei der weiltweite Erfolg von DAB abzusehen. Insbesondere für die Übertragung von Zusatzdiensten gäbe es keine bessere Technik, erklärte Dr. Hamed Amor, Geschäftsführer Thyssen Multimedia.

Ein alternatives DAB-Empfangskonzept stellte Alexander Krutzke, Produktmanager PSION GmbH, mit dem „WaveFinder“ vor. Mit der Digital Radio-Technik und dem „WaveFinder“ könne auch eine Übertragung großer Datenraten auf den PC kostengünstig realisiert werden.

Helwin Lesch, Geschäftsführer der Bayerischen Medientechnik GmbH (BMT), hob hervor, dass Radio digitalisiert werden müsse, um im intermediären Wettbewerb nicht an Bedeutung zu verlieren: Erst Digital Radio ermögliche eine Ausdifferenzierung des Angebotes und gleichzeitig erstmals auch eine Möglichkeit der Interaktion. Lesch hob ein bundesweit fläschendeckendes Digital Radio-Sendernetz als unabdingbare Voraussetzung für einen Erfolg von Digital Radio hervor.

Hans-Dieter Hillmoth, Geschäftführer des hessischen Privatsenders Hit Radio FFH, gab zu bedenken, dass dem Hörer der Mehrwert von Digitalradio derzeit nicht klar sei – er sei zufrieden mit dem Angebot, das er jetzt habe. Er verwies auf die enormen Kosten des Simulcast-Betriebes, d. h. einer gleichzeitigen Übertragung der Programme via UKW und DAB. Anders als die öffentlich-rechtlichen Programmveranstalter verfügten die privaten Sender über keinen „extra-digital-Groschen“. Er forderte technische Kapazitäten, die allen auf UKW verbreiteten Sendern auch eine digitale Übertragung ermöglichten und ein klares Bekenntnis der Politik für Digital Radio: „Es ist kein Dampf auf dem Kessel! Die Politik muss einen möglichst nahen Umschaltzeitpunkt festlegen – und zwar spätestens 2007. Das ist die einzige Chance für Digital Radio!“

Der technische Direktor des Südwestrundfunks, Dr. Karl Breithaupt, betonte: „Die ARD ist auf die digitale Zukunft verpflichtet und stellt sich dieser Aufgabe!“ Man verfüge für die Jahre 2001 bis 2002 über 82 Mio. DM und wünsche sich daher einen schnellen Ausbau des digitalen Sendernetzes. Da auch aus seiner Sicht die Hörer derzeit nicht auf Digital Radio warteten, würde mit einer großen Marketingkampagne keine Marktdurchdringung erreicht. Er forderte von der Politik zusätzlich eine klare Zielvorgabe, wann die Umschaltung von UKW auf DAB erfolge: „Das Marketing alleine wird es nicht schaffen, daher muss über ein Digitalisierungsgesetz nachgedacht werden!“

Dieser Forderung erteilte der Referatsleiter im Bundeswirtschaftsministerium (BMWI), Wolfgang Becker, eine Absage. Er rechne mit einer Umschaltung erst zwischen 2010 und 2015 und sehe für einen früheren Zeitpunkt aufgrund der fehlenden Zustimmung bei den Marktteilnehmern und auch bei den Ländern keine Möglichkeit. „DAB wird nicht administrativ verordnet werden können!“

Dr. Thomas Hirschle und Wolfgang Thaenert, Direktor der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk (LPR Hessen), bekräftigten die Absicht der Landesmedienanstalten, sich für eine weitere DAB-Bedeckung und eine zeitnahe Umschaltung einzusetzen. „Wir brauchen eine Präzisierung in weiteren Fragen. Das gemeinsame Wollen muss jetzt spürbar werden!“

Im Rahmen der Veranstaltung präsentierte Joachim Lehnert, Abteilungsleiter Rundfunktechnik der Landeszentrale für private Rundfunkveranstalter Rheinland-Pfalz den „Atlas Digital Radio Deutschland 2001“ der DLM vor. Der Atlas dient zur Verdeutlichung des Versorgungsstandes Digital Radio in Deutschland. Die Daten werden ständig aktualisiert und sind im Internet unter www.lpr-online.de abrufbar.