E-Sports als neues Flaggschiff in der Sportberichterstattung?

Das 43. Hessische Gesprächsforum Medien diskutiert die aktuelle Rolle des E-Sports für den deutschen Fernsehmarkt

Lukas Schmandt (Schalke 04) gegen Benedikt Saltzer (VfL Wolfsburg) - 0:0. So lautete das Ergebnis der live ausgetragenen E-Sports Demonstration am Montag im historischen Festungskeller der Landesfestung in Rüsselsheim. Die Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR Hessen) hatte anlässlich ihres 43. Hessischen Gesprächsforum Medien zum Thema "Screen Sports - Ein Brückenbau zwischen E-Sports und Fußball im TV" in die diesjährige Hessentagsstadt geladen. Die Veranstaltung widmete sich am Vortag der Bekanntgabe der lange erwarteten Champions-League-Rechtevergabe erstmals detailliert den engen Beziehungen und Verflechtungen zwischen Fußball-, Game- und Medienindustrie, die alles andere als "unentschieden" sind.

Hochrangige Vertreter aus E-Sports, der Deutschen Fußball Liga (DFL) und den Medien sowie unabhängige Experten diskutierten lebhaft und kontrovers die wechselseitigen Einflüsse und den steigenden Veränderungs- und Anpassungsdruck auf den Sport und insbesondere das Fernsehen.

Dr. Robert Niemann, Manager von Torwartlegende Oliver Kahn und Berater des Weltfußballverbands FIFA, stellte eindrucksvoll die alte und die neue Welt gegenüber. Die einerseits durch große Übertragungswagen und Kameras mit hohem Technik und Personaleinsatz gekennzeichnet sei, andererseits durch universell einsetzbare automatisierte Drohnen und kleine ferngesteuerte Kameras geprägt werde: Hier eine komplexe Übertragungstechnik, dort eine Spielwelt, der X-Box oder Playstation, mit vielen zusätzlichen Features, die der realen Übertragungswelt immer ähnlicher wird.

Dr. Holger Blask, Justiziar der DFL und dort u.a. auch für die Vergabe der audiovisuellen Rechte verantwortlich, stellte die gemeinsame langfristige Strategie heraus, die nur in guter Partnerschaft mit den Lizenznehmern erreicht werden kann. "Es reicht nicht aus die TV-Rechte an jemanden zu vergeben, der keine langfristige Perspektive erwarten lässt". Medienpartner bedürften daher von Anfang an der Unterstützung durch die Liga, damit die gemeinsam definierten Ziele auch erreichbar seien. Er prognostizierte, dass bedeutende Sportereignisse ab 2018 live vorrausichtlich nur noch im Pay-TV zu empfangen seien. Allerdings finde die Bundesliga aktuell, live oder als Bericht, auf mehr Free TV Plattformen als jemals zuvor ihre Zuschauer und Nutzer.

Michael Zimmer, aus der Rechtsabteilung und Jugendschutzbeauftragter der Sport1 GmbH, erhofft sich von E-Sports-Übertragungen ähnliche Erfolge wie bei der Übertragung der Dart WM. Da die Lizenzen von sportlichen Großereignissen, wie Bundesliga und Champions League, anderweitig vergeben sind, sucht Sport1 die sogenannten "Nuggets" der Sportberichterstattung. Die Übertragung der Dart WM hat gezeigt, dass man auch mit solchen "Nuggets" unerwartet hohe Einschaltquoten erzielen kann.

Jan-Hendrik Heuschkel vom E-Sports-Veranstalter freaks4u machte deutlich, das für seine Liga die Verwertung im linearen Fernsehen nur noch nachgeordnete Bedeutung habe. "Wir generieren unsere Reichweiten über Plattformen wie YouTube, über die wir Millionen von Zuschauern erreichen und das weltweit."

Petra Fröhlich, Chefredakteurin GamesWirtschaft, wies drauf hin, dass es die noch junge E-Sports keinesfalls die Unterstützungsbreite wie gewachsene Breitensportarten habe: "Es ist eine überschaubare Zahl an kommerziellen Unternehmen, wie Turtle Entertainment, die hinter der Electronic Sports League stehen und das vorantreiben. Hinzu kommt, dass die Spiele wenigen internationalen Spielekonzernen gehören, die die Nutzung genehmigen müssen. Die können aber ebenso auf die Idee kommen eigene Turniere auszurichten."

Iepe Rubingh, Gründer und CEO der World Chess Boxing Association, beschrieb die Möglichkeiten, die ihm als junge Nischensportart mit inzwischen weltweit etwa 2.000 Aktiven zur Verfügung stehen: "Wir fangen bei null an, wir können schauen was am besten zu uns passt, wobei die digitalen Kanäle ein enormes Potential bieten."

Isabell Buchner von Comingnext.TV betonte die zunehmende Bedeutung von "Over-the-top" Inhalten für Streaming Dienste, zu denen auch die Übertragung von E-Sport Ereignissen zählen. Mit ständig veränderten Nutzungsgewohnheiten der jüngeren Generation werden auch solche Content-Angebote als Video on Demand für klassische Fernsehveranstalter wichtig.

Die Teilnehmer begrüßten den neuen Ansatz der konvergenten Betrachtung und der sich mehr und mehr überlappenden einzelnen Gattungen. Das entspricht auch dem Fazit von Joachim Becker, Direktor der LPR Hessen: "Wir müssen die Themen als Landesmedienanstalten weiter im Blick behalten. Vieles was in das Feld der aktuellen Regulierung hineinreicht, wie rundfunkrechtliche Lizenzpflichten bedürfen der Überarbeitung. Umgekehrt fehlen Instrumente und klare Zuständigkeiten, insbesondere im Bereich des Nutzer- und Jugendmedienschutzes, um auf neue Herausforderungen angemessen reagieren zu können."

 Die LPR Hessen veranstaltete das 43. Hessische Gesprächsforum Medien in Kooperation mit dem Bundesverband der deutschen Games-Branche e. V. (GAME) und eSports.BIU, dem offiziellen E-Sports-Netzwerk der Games-Branche.

Die Aufzeichnung der Veranstaltung finden Sie ab Montag, den 19. Juni unter http://www.mediathek-hessen.de.

Kontakt bei Rückfragen: Annika Schulz, LPR Hessen, Tel.: 0561 93586-34