LPR Hessen zeichnet acht Preisträger mit dem Bürgermedienpreis 1999 aus

Die Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk (LPR Hessen) hat am Samstag, den 26. Februar 2000, die Preisträger des Bürgermedienpreises 1999 ausgezeichnet.

Erstmals im Jahr 1999 hat die LPR Hessen einen Bürgermedienpreis ausgeschrieben. Prämiert wurden Radio- und Fernsehbeiträge, die sich mit dem bewusst weit gefassten Thema Familie auseinander setzten. Zusätzlich gab es einen Sonderwettbewerb: Aus dem Bereich Nicht­kommerzielle Lokalradios wurden besondere Arbeitsprojekte von Redaktionen, aus dem Be­reich der Offenen Kanäle Videoproduktionen in Form von Kurzspielfilmen prämiert.

Um die Preise in Gesamthöhe von 11.000 DM haben sich 52 Einzelpersonen und Gruppen beworben.

Die Jury setzt sich aus sieben Personen zusammen:

  •     Dr. Barbara Eschenauer
  •     Gabriele Kögel-Sell, Vorsitzende des Programmausschusses der LPR Hessen
  •     Winfried Engel, Vorsitzender der Versammlung der LPR Hessen
  •     Pfarrer Christian Fischer
  •     Horst Seidenfaden
  •     Michael Jonke
  •     Volker Bernius

Zwei zweite Preise im Allgemeinen Wettbewerb „Familie“ für nichtkommerzielle Lokalradios

 

Zwei Radioproduktionen empfand die Jury als preiswürdig. Sie erhielten beide einen zweiten Preis. Ein erster und dritter Preis wurde nicht vergeben.

Erziehung - Zwei Kulturen, zwei Ergebnisse

Der Beitrag „Erziehung - Zwei Kulturen, zwei Ergebnisse“, gesendet im Freien Radio Kassel, stellt die unterschiedlichen Auffassungen der Begriffe Erziehung und Familie bei Deutschen und Türken dar. Der Beitrag, eingereicht von Talat Kaya, erstellt von der Redaktion „Özgür Radyo Kassel“, zeigt durch Interviews mit Eltern und Kindern sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten in der Erziehung auf.

Die Reportage zeichnet sich vor allem durch die sachkundige und informative Beschäftigung mit dem Thema und dessen Problematisierung innerhalb zweier Kulturkreise aus. Das Thema ist adäquat und sachkompetent umgesetzt. Es umfasst eine abgewogene Kombination unter­schiedlicher journalistischer Genres wie Interview, redaktionseigene Meinungsäußerung und Einholung einer Fachmeinung. Der Beitrag arbeitet nicht nur kulturell bedingte Unterschiede, sondern auch Gemeinsamkeiten heraus und hat einen hohen informativen Wert.

Schwullesbische Elternschaft - Ein Familienbild außerhalb der Norm

Der Beitrag der Redaktion „SUB“, wurde bei Radio X in Frankfurt ge­sendet. Die Reportage befasst sich mit dem Thema schwullesbischer Ehepaare. Es werden Wege Homosexueller aufgezeigt, Eltern zu werden. Er befasst sich mit der Dis­kriminie­rung von Kindern Homosexueller, der gesetzlichen Benachteiligung, der AIDS- und Adopti­onsproblematik und Benachteiligung in Ämtern.

Der Beitrag zeichnet sich als gelungen vor allem dadurch aus, dass ein Minderheitenthema ausgesprochen informativ bearbeitet wurde, das in den Medien sonst kaum oder gar nicht vorkommt. Auffällig ist die offenkundig vielfältige und intensive Recherchearbeit. Das Thema wird adäquat und sachkompetent umgesetzt. Die Reportage enthält einen sehr zurück­haltenden Kommentar, der die durchgängig guten O-Töne klug verbindet. Er zeichnet sich durch eine hervorragende stimmliche Präsenz aus.

Allgemeiner Wettbewerb „Familie“ für Offenen Kanäle

Wie im Bereich der Nichtkommerziellen Lokalradios entsprach auch hier keiner der Beiträge den Kriterien für einen ersten Preis.

Reportage „Familie“ erhält zweiten Preis

Die Reportage „Familie“, die im Offenen Kanal Kassel gesendet und von Walter Hil­debrandt eingereicht wurde, erhält den zweiten Preis. Die Reportage enthält Interviews mit Passanten der Stadt Kassel zum Thema Familie. Der Film entstand während eines Bildungs­zentrum-Se­minars „Grundlagen erfolgreicher Filmgestaltung“ im Offenen Kanal Kassel.

Der Beitrag erhält den zweiten Preis für die kompakte, konzentrierte und auf Essenzen redu­zierte Bearbeitung des Themas, die trotz der Kürze des Beitrages erkennbar gewichteten An­teile von Information, Bildung und Unterhaltung, die insgesamt gute, weil fast durchgängig stimmige Bild- und Tonauswahl, die aussagekräftige meditative Form der Collage sowie bei­spielhafte generationsübergreifende Produktionskooperationen.

Experimentierstück „Gespräche in Schwarz-Weiß: Eis“ erhält dritten Preis

Der Beitrag „Gespräche in Schwarz-Weiß: Eis“, gesendet im Offenen Kanal Fulda, einge­reicht von Robert Paschmann, erhält den dritten Preis.

Der Beitrag, der Bestandteil der regelmäßigen Talkshow „Gespräche in Schwarz-Weiß“ im Offenen Kanal Fulda war, befasst sich mit dem Thema auf sehr unterhaltsame Weise. In der Talkshow kommen Leute zu Wort, die sonst nie zu Wort kommen, und zwar regelmäßig bzw. immer Peter und Paul. In satirischer Form unterhalten sich die beiden Protagonisten über das Thema Eis und Familie. Der Beitrag wurde mit einer Kinder-Spielzeug-Kamera aufgenom­men.

Der Beitrag erhält den dritten Preis für die sehr ungewöhnliche Art der unterhaltsamen Annä­herung an ein ernstes Thema, die sehr unkonventionelle Art der filmischen Umsetzung des Themas, die Konzentration auf einen einzigen „vermeintlich nebensächlichen“ Aspekt einer familiären Beziehung, die deshalb konsequente Reduktion auf ein technisches Stilmittel sowie gute Dramaturgie, trotz oder wegen großer Experimentierfreude mit einfachsten Mitteln.

„Meine Mäusefamilie vergrößert sich...“ erhält lobende Anerkennung

Der Film „Meine Mäusefamilie vergrößert sich...“ aus Offenbach, eingereicht von Nadine Hansen erhält eine lobende Anerkennung als Erstlingswerk einer Zehnjähri­gen, das eine Aus­zeichnung verdient für den arbeitsintensiven und liebevollen Umgang mit dem Thema.
Sonderwettbewerb „Besondere Arbeitsprojekte“ für Nichtkommerzielle Lokalradios

Der Preis des Sonderwettbewerbs für Nichtkommerzielle Lokalradios wurde an zwei in ihrer Art sehr unterschiedliche Arbeitsprojekte vergeben.

„Epilepsie - Die vielfältigen Formen der Epilepsie“

Das Feature „Epilepsie - Die vielfältigen Formen der Epilepsie“, gesendet bei Radio X in Frankfurt, wurde eingereicht von Andreas Gnann. Das Feature ist ein Produkt aus einer Reihe von Sendebeiträgen zu Erbkrankheiten. Die Idee des Projekts ist, dem Laien auf interessante und auch unterhaltsame Weise weit verbreitete Erbkrankheiten verständlich zu machen.

Es erhält den Sonderpreis, weil es sich als gut gelungenes journalistisches Projekt aus dem nichtkommerziellen Radiobereich auszeichnet, durch professionelle, inhaltliche, aber allge­mein verständlich vermittelte Aufarbeitung eines nicht leicht zugänglichen Themas, durch hohen Informationsgehalt, durch ungewöhnlich großen Aufwand an Vorrecherche, durch sehr durchdachte Dramaturgie sowie durch sachliche, engagierte und dennoch abstandwahrende Sprache.

„Imaginary Soundscapes“

Die interaktive Soundcollage „Imaginary Soundscapes“, gesendet bei Radio X in Frankfurt, eingereicht von Peter Fey, ist ein Angebot an den nächtlichen Radiohörer, an einer besonde­ren Art von Interaktivität teilzunehmen. Das Projekt umfasst mehrere Teilnehmen, die per Modem direkten Zugriff auf einen Methoden- und einen Klangspeicher haben und hierdurch aktiv Radiobeiträge verändern.

Dieses Projekt erhält den Sonderpreis, weil es sich als gutes Beispiel für den künstlerischen Umfang mit dem Medium auszeichnet: Durch seinen durch und durch experimentellen und künstlerischen Charakter, durch das Angebot der Interaktion, durch seine konzentrierte Aus­richtung auf eine ganz spezifische Zielgruppe, durch seinen ungewöhnlichen Versuch der Hö­rerbindung sowie durch seine Einmaligkeit in den Medien.
Sonderwettbewerb „Kurzspielfilm“ für Offene Kanäle

Den Preis des Sonderwettbewerbs erhält eine Produktion, die nicht nur den formalen, sondern auch den künstlerischen Anforderungen an einen Kurzspielfilm in allen Details entspricht.

„Pizza speziale“

Der Spielfilm „Pizza speziale“, gesendet im Offenen Kanal Kassel, eingereicht durch Olaf Saumer, handelt von einem erstmaligen Rendezvous, bei dem einiges schief geht.

Der Spielfilm erhält als hervorragende Gesamtleistung den Sonderpreis für den Bereich Kurz­spielfilm für das außergewöhnlich gute Zusammenspiel von erzählter Geschichte, schauspie­lerischer Leistung, Inszenierung und Aufnahmetechnik, für die perfekte Dramaturgie, für per­fekten Schnitt in Ton und Bild, für den professionellen Umgang mit Details sowie für die Kompetenz der Autoren auf Wirkung hin zu arbeiten.

Winfried Engel, Vorsitzender der Versammlung der LPR Hessen, erhofft sich durch diesen Wettbewerb einen zusätzlichen Motivationsschub für die Radio- und Fernsehmacher in den Bürgermedien. „Mit dem Bürgermedienpreis soll ein Preis entstehen, der bewusst die qualita­tive Messlatte auch für die Nichtprofis hoch anlegt, um Maßstäbe zu setzen, zukunftsweisend zu sein und zur Nachahmung anzuregen“, so Engel.