Nagelprobe Plattform: Werte integrieren - Experten fordern politische Weichenstellung für ein neues netzbasiertes Medien-Öko-System

Die Notwendigkeit einer eigenen europäischen digitalen Infrastruktur wird seit geraumer Zeit diskutiert. Deutschland und Frankreich haben im Vertrag von Aachen Ende 2019 eine eigene digitale Plattform angekündigt, die EU-Kommission hat in der vergangenen Woche ihre Digitalstrategie vorgestellt. Einen ersten konkreten Schritt sieht der Medienrechtler Tobias Gostomzyk, TU Dortmund, in Kooperationen zwischen Medien, auch zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Anbietern. Ziel sei dabei, „den publizistischen Wettbewerb wirtschaftlich zu stärken“. Allerdings ist für Gostomzyk die Ausgestaltung einer medienübergreifenden Plattform derzeit noch wenig konkret. Hier gelte es, konzeptionelle Kärrnerarbeit zu leisten. Dabei sei die Politik dringend gefordert. Denn auf dem Weg zu einem netzbasierten Medien-Öko-System sei „die Umsetzung einer funktionierenden, medienübergreifenden Plattform die Nagelprobe“, so Gostomzyk. 

Auf „ein personalisiertes On-Demand-Angebot, in dessen Algorithmen öffentliche Werte eingeschrieben sind», setzt auch der Schweizer Medienwissenschaftler Manuel Puppis, und sieht darin die Weiterentwicklung des öffentlichen Rundfunks. Puppis, der der Eidgenössischen Medienkommission (EMEK) angehört, fordert als ersten Schritt, die großen, marktbeherrschenden Plattformen «in die Verantwortung zu nehmen sowie die Produktion publizistischer Inhalte zu unterstützen durch eine direkte Journalismusförderung», um den gesellschaftlichen Herausforderungen begegnen zu können.

Kemal Görgülü dagegen sieht auch die Zivilgesellschaft bei der Gestaltung des digitalen öffentlichen Raums gefordert. „Nicht nur in den Algorithmen der großen Plattformen stecken Normen, Werte und Ziele, sondern in allen technischen Weichenstellungen“, sagt der Technische Direktor von ARTE, der bei dem zivilgesellschaftlichen Projekt „Beyond Platforms Initiative“ den Bereich Infrastruktur koordiniert: „Deshalb müssen wir die bestehenden Mechanismen dechiffrieren und überlegen, welche Werte wir integrieren wollen und wie wir sie technisch übersetzen können“. 

Mit dem Dortmunder Medienrechtler Tobias Gostomzyk, dem Kommunikationsforscher Manuel Puppis von der Universität Freiburg/Schweiz, dem Technischen Direktor von ARTE, Kemal Görgülü, der für die Beyond Platforms Initiative spricht, diskutieren Joachim Becker, Direktor der LPR Hessen, Hessens Ministerin für Digitale Strategie und Entwicklung, Kristina Sinemus, die Wirtschaftsinformatikerin und Expertin für digitale Ethik, Sarah Spiekermann von der Wirtschaftsuniversität Wien, der Amsterdamer Medien- und Kulturwissenschaftler Martijn de Waal, die Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner, Sprecherin für Netzpolitik und Verbraucherschutz ihrer Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Jim Egan, Chief Executive Officer BBC Global News, der Buchautor und Journalist Adrian Lobe und Ingrid Brodnig, Journalistin und Autorin des Buches „Übermacht im Netz“, Wien unter der Moderation der Journalistinnen Alexandra Borchardt und Ingrid Scheithauer beim 

lpr-forum-medienzukunft

„Digitale Nachhaltigkeit“ 
Über Gesellschaftsverträglichkeit und Plattform-Ökonomie 

am Donnerstag, den 12. März 2020
in der Evangelischen Akademie Frankfurt, Römerberg 9, 60311 Frankfurt