Positive Rolle der Journalisten bei der Wende: Die Medien als Fenster und Türöffner zum Westen

Journalisten und Experten diskutieren beim 2. Hessisch-Thüringischen Mediengespräch der Landesmedienanstalten beider Länder den Mauerfall in der Medienberichterstattung

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Lob für die Medienberichterstattung vor und während der Grenzöffnung äußerte der ehemalige Ministerpräsident Prof. Dr. Bernhard Vogel: „Den Medien kommt das Verdienst zu, die Wiedervereinigung quasi herbeigesendet zu haben“, so Vogel im Rahmen des 2. Hessisch-Thüringischen Mediengesprächs, das sich am 22. April 2009 mit dem Mauerfall in der Medienberichterstattung auseinandersetzte. Am historischen Point Alpha, an dem sich die Gegner im Kalten Krieg direkt gegenüberstanden, diskutierten Journalisten und Wissenschaftler die politische Rolle der Medien vor 20 Jahren.

Einig waren sich die Experten, dass die emotionalisierende Wirkung gerade der Fernsehbilder die damaligen Geschehnisse stark beschleunigt, wenn nicht gar überhaupt erst ermöglicht hätte. Dr. Hans-Hermann Hertle vom Zentrum für Zeithistorische Forschung e.V., Potsdam hob hervor, dass die Westfernseh-Bilder über die Demonstrationen in der damaligen DDR wie „Ermutigungsdrogen“ gewirkt und zu Solidarität und Nachahmung geführt hätten. Am 9. November 1989 habe – auch durch Vorarbeit der Nachrichtenagenturen – „… die Fernsehdebatte den Dienstweg überholt“, bilanzierte der Politikwissenschaftler, der das Geschehen am 9. November 1989 und die Berichterstattung minutiös untersucht und nachvollzogen hat.

Prof. Dr. Wolfgang Donsbach, von der Technischen Universität Dresden, stellte die These auf, dass die Medien vor 1989 durch ihre tendenziell positive Bericherstattung die DDR eher stabilisiert hätten. Zum Zeitpunkt der Wende habe das West-Fernsehen die DDR-Opposition dagegen stärker erscheinen lassen als sie es war. Dies habe zu einer „sozialoptischen Täuschung“ mit erheblichem Einfluss auf das Geschehen geführt. Der Kommunikationswissenschaftler zog aus einer Reihe verschiedener Untersuchungen das Fazit, dass die Westmedien heute das Thema Einheit aus dem Blick verlieren würden, während die Ostmedien mit dem DDR-Regime milder umgingen. So sei auch zu verzeichnen, dass der Staats-Bankrott der DDR in der Erinnerung der Bürger allmählich verblasse.

Prof. Kurt Morneweg verglich den Mauerfall mit einem „schwarzen Schwan“. Auch der Mauerfall sei ein Ereignis gewesen, mit dem jedenfalls in dieser Form eigentlich keiner gerechnet habe. Der damalige Leiter des HR-Studios Kassel präsentierte noch nicht veröffentlichte Bilder von der Öffnung der Grenze zwischen Thüringen und Hessen. Er stimmte das Publikum damit ein auf die nachfolgende Diskussion mit den vor 20 Jahren tätigen Journalisten: Jo Brauner, der am 9. November 1989 die Grenzöffnung in der Tagesschau vermeldet hatte; Peter Pragal, der als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Ostberlin lebte; Sergej Lochthofen, zum Zeitpunkt der Wende Nachrichtenredakteur der Tageszeitung DAS VOLK und der Italiener Riccardo Ehrman, Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur ANSA. Ehrman hatte bei der entscheidenden Pressekonferenz des Zentralkomitees der SED die Frage gestellt, ab wann die Reisefreiheit gelte.

Von der Journalistin und Direktorin der Point Alpha Stiftung Uta Thofern befragt, verwies der inzwischen 79jährige Ehrman darauf, dass er gegenüber seinen westdeutschen Kollegen Vorteile hatte: Als Italiener und Jude hätten die damaligen DDR-Entscheider ihm viel Vertrauen entgegengebracht. Ehrmann verwies zwar auf die Notwendigkeit, Quellen zu schützen; allerdings sei sein Informant inzwischen verstorben, so dass er auch hier noch einmal auf die näheren Umstände eingehen könne: So habe im Vorfeld der Pressekonferenz sein Freund und Kollege Günter Pötschke, damaliger Chef der DDR-Nachrichteangentur ADN, ihm geraten, das neue Reisegesetz in der Pressekonferenz genau zu hinterfragen. Dass seine Frage zu der missverständlichen Aussage des SED-Funktionärs Schabowskis führte, sei ein Umstand, der ihn heute noch glücklich mache. Jo Brauner verriet, dass er die Dimension seiner Meldung von der Grenzöffnung erst im Laufe der Nacht wirklich erkannte, als weitere Bilder veröffentlicht wurden. Peter Pragal erinnerte daran, dass die DDR-Bürger über das Geschehen im eigenen Land durch das Westfernsehen gut informiert waren. Auch hätten die West-Korrespondenten durch ihre Präsenz an den Brennpunkten den Menschen Mut gemacht.

Die Gastgeber der Veranstaltung - vertreten durch den Versammlungsvorsitzenden der LPR Hessen Winfried Engel und den TLM-Direktor Jochen Fasco - betonten, wie wichtig die Erinnerung an die historischen Ereignisse sei und welche Bedeutung gerade auch den Medien zukomme. Die Analyse der Berichterstattung über die Wende habe gezeigt, dass die Medien trotz neutraler Berichterstattung auch starke politische und soziale Impulse geben könnten. Beide kündigten an, das gemeinsame Mediengespräch im nächsten Jahr weiterzuführen.

Kontakt bei Rückfragen: Annette Schriefers, Tel.: 0561/93586-12