Angesichts von Verschwörungstheorien, Algorithmen, Social Bots und Fake News erhält die Frage nach der Wahrheit von Nachrichten neue Relevanz. Und angesichts mehrerer Landtagswahlen und der Bundestagswahl stellt sich die Frage, ob diese neuen Faktoren Einfluss auf Stimmungen und Wahlverhalten haben. Rund 50 ExpertInnen aus Bildung, Medienpädagogik, Politik und Wissenschaft kamen am 8. und 9. März 2017 im Bonifatiushaus in Fulda zusammen, um in diesem Kontext über Werte, Ethik und politische Kommunikation im Netz zu diskutieren.

Nach der Begrüßung durch Joachim Becker, Direktor der hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR Hessen) und Gunter Geiger, Leiter des Bonifatiushaus in Fulda, referierte Reinhard Schlinkert, Generalbevollmächtigter von infratest dimap, über die Veränderungen der digitalen Gesellschaft aus Sicht der Meinungsforschung. Dazu stellte er ausgewählte Ergebnisse der Studien „Glaubwürdigkeit der Medien“ (erstellt im Auftrag des WDR 2016) und „Sachsen-Monitor 2016“ vor: zwar gilt das Internet in der Gesamtbevölkerung als drittgrößte Informationsquelle, aber eben hinter dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen und den Tageszeitungen – denn letztere genießen in der Bevölkerung eine größere Glaubwürdigkeit. Seine Eingangsfrage, ob das Internet tatsächlich politische und gesellschaftliche Diskurse verändere, verneint Schlinkert abschließend: zwar ist das Klima im Netz rauer geworden, woran populistische Parteien und Akteure deutlichen Anteil haben. Aber dafür ist das Internet nicht die Ursache. Und wer beim digitalen Nachrichtenkonsum nachdenkt, lässt sich nicht beeinflussen.

Konrad Lischka, Project Manager bei der Bertelsmann Stiftung, sprach anschließend über Algorithmen im Netz und wie Software-Design den gesellschaftlichen Diskurs in der digitalen Sphäre beeinflusst. Am Beispiel einer Google-Recherche und eines Facebook-Feeds erläuterte er die Auswahlkriterien und Wirkungen von Algorithmen und zeigte damit, dass algorithmische Entscheidungen schon lange keine Science-Fiction mehr sondern in der Gegenwart angekommen sind: indem Facebook und Google Nutzerreaktionen auf bestimmte Seiten, Likes und Inhalte angeklickter Seiten analysieren, beeinflussen sie die zukünftig angezeigten Seiten. Zentrales Problem dabei ist, dass es scheinbar nur noch eine algorithmisch strukturierte Öffentlichkeit gibt. Außerdem besteht damit ein messbarer Zusammenhang zwischen „Stimmung“ und Beiträgen in den sozialen Medien: je stärker ein Beitrag emotional aufgeladen ist, desto häufiger wird er weiterverbreitet, da negative Kommentare einzelne User motivieren, sich zu äußern. Die Resonanz einzelner Beiträge oder Suchergebnisse ist damit kein verlässliches Signal für Qualität von Diskursen. Als Fazit appellierte Lischka, dass mehr Vielfalt und Evaluation der Mechanismen nötig seien, um die Öffentlichkeit in der digitalen Sphäre strukturieren zu können.

Ralf Güldenzopf, Leiter der Politischen Kommunikation der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. Berlin, stellte in seinem Vortrag darüber, ob und wie das Internet Wahlkampagnen verändert, acht Thesen auf: 1. Die Digitalisierung ist eine Evolution und keine Revolution, in der das Internet als Werkzeug dient und genutzt werden muss, auch in der politischen Diskussion. 2. Internet changes, d.h. die Internetnutzung ändert sich radikal und kann für Wahlkampagnen entsprechend genutzt werden, um Botschaften zu kommunizieren, Wähler zu mobilisieren und (vor allem in den USA) Gelder zu beschaffen. 3. Big data targeting bedeutet, dass die Mediennutzung von Wählern es ermöglicht, Prognosen zu erstellen, wer wo gewählt wird und Wahlkampagnen dementsprechend auszurichten. Die vierte These Daten Graswurzel weist darauf hin, dass persönliche Ansprache und Kontakt für die Mobilisierung von followern unabdingbar sind, wobei – fünfte These - Big reach not big friends, besagt, dass eine große Reichweite am ehesten durch Werbung bzw. durch Aufmerksamkeit erregende Nachrichten, die auch oftmals Lügen und Spekulationen sind, erreicht wird. Auf diese Mechanismen muss sich künftige politische Online-Kommunikation einstellen und sie auch verstehen. Die sechste These Message over mechanics drückt aus, dass Botschaften in Wahlkampagnen wieder wichtiger werden und damit das Narrative zentral ist. Mit der siebten These Post Trust nicht Post Truth stellte Güldenzopf fest, dass aktuell ein Verlust an Vertrauen und Sozialkapital in Medien besteht und zeigte die damit verbundene Herausforderung auf, dieses Vertrauen wieder herzustellen. Mit seiner achten und letzten These Raus gehen und kommunizieren rief Güldenzopf dazu auf, durch Kommunikation nicht nur Meinungen zu schaffen, sondern diese auch zu bewegen. Dies bedeutet speziell in der politischen Kommunikation zielgerichtete Botschaften an die Wähler zu vermitteln, Meinungsblasen zu identifizieren und auch dafür zu sorgen, dass Plattformen wie Facebook und Twitter ihre Verantwortung bezüglich „Hygienefaktoren“ wahrnehmen und dazu beitragen Fake news, Hate speech etc. zu löschen und zu melden.

Der erste Tag der Digital2020 endete mit einem Vortrag von Daniel Poli, Leiter des Geschäftsbereichs Qualifizierung und Weiterentwicklung der Internationalen Jugendarbeit bei IJAB, der darüber sprach,  wie das Internet als Chance für die Partizipation junger Menschen genutzt werden kann. Poli stellte fest, dass die Belange Jugendlicher zwar durch Familien- und Bildungspolitik vertreten werden, dennoch bspw. bezüglich der Ressourcenverteilung und Art der Partizipation noch Interessenskonflikte bestehen. Da Jugendliche eher zu kurzfristigem politischem Engagement für konkrete lebensweltbezoge Themen tendieren, ist es nicht leicht, dieses umzusetzen.

Als Best Practice-Beispiele stellte Poli die zwei Projekte youthpart und jugend.beteiligen.jetzt vor, die praktische digitale Partizipation Jugendlicher am politischen Geschehen umsetzen.  Sie zeigen, dass Jugendbeteiligung zur Demokratiestärkung wichtig ist und eine Jugendbeteiligung nur greifen kann, wenn sie digital umgesetzt wird, da auch der Alltag der Jugend digital geprägt ist. Obwohl solche Partizipationsangebote niedrigschwellig sein sollten, können sie durch ihre Zugangsvielfalt permanente differenzierte Partizipation schaffen.

Der zweite Tag bot zwei Diskussionsrunden mit je einer VertreterIn aus Wissenschaft und Praxis. Das Eingangsstatement zur ersten Runde lieferte Prof. Dr. Alexander Filipović, Inhaber des Stiftungslehrstuhls für Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München, der über ethische Implikationen der (politischen) Kommunikation im Netz sprach. Filipovic betonte, dass der ursprüngliche Zweck von Social Media war, Menschen zusammenzuführen und einander näher zu bringen. Durch Hate Speech, Fake News, politische Beeinflussung etc. sind die desintegrativen Effekte der interaktiven Online-Kommunikation jedoch gestiegen; die Folge davon sind Vertrauensverluste und ungleiche Partizipationschancen. Um den ursprünglichen Zweck von sozialen Medien wiederherzustellen ist das Schlüsselwort „Medienwirkungskompetenz“: diese sollte sich am Gemeinwohl und Wahrhaftigkeit orientieren und die Rechte anderer im Blick haben. Mündige und kompetente MediennutzerInnen können nur durch die Vermittlung von Medien- und politischer Bildung erzielt werden. Die Verantwortung dafür liegt nicht allein bei politischen AkteurInnen sondern ist geteilt: auch die Plattformen tragen Verantwortung und letztlich die NutzerIinnen für den eigenen Mediengebrauch.

Als Vertreter der gedruckten Medien zeigte Dr. Volker Nies von der Fuldaer Zeitung  auf, dass politische Partizipation auch noch offline stattfinden kann, wie beispielsweise durch gedruckte Leserbriefe und Kommentarspalten in der Zeitung. Dies hat laut Nies noch den Vorteil, dass LeserInnen – ohne den Einfluss von Algorithmen – sich nicht nur in ihrer eigenen Filterblase bewegen und so echte Diskussionen stattfinden können, in denen argumentiert statt Hate Speech betrieben wird.

Den Auftakt zur zweiten Runde machte Prof. Dr. Caja Thimm, Professorin für Medienwissenschaft und Intermedialiät am Institut für Sprach-, Medien- und Musikwissenschaft der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, brachte in ihrem Vortrag „Posten, twittern, liken: Auf dem Weg zum digitalen Citoyen?“ die bisherige Tagung auf einen Nenner und hielt fest, dass wir mehreren Herausforderungen der Digitalisierung gegenüber stehen: der Fragmentierung durch digitale Medien als Demokratieproblem, Algorithmen als neuen Schleusenwärter des Wissens, dem Verfall der Diskurskultur in Form von Hate Speech sowie dem Phänomen der neuen Meinungsmache im Netz, bspw. in der Form von Social Bots und Fake Followern. Thimm resümierte, dass es nicht nur einer Digitalethik, sondern einer digitalen Werteordnung sowie rechtlicher Rahmenbedingungen und Regulierungen für das Netz bedürfe, um diesen Herausforderungen entgegen zu treten.

Ihre Ausführungen ergänzte aus der Praxis der Erwachsenenbildung Marco Düsterwald vom Landesverband der Volkshochschulen von NRW. Er berichtete darüber, wie das an Volkshochschulen stattfindende Offline-Lernen mit Online-Angeboten erweitert werden kann. Dazu wurden in ganz NRW sogenannte Digi-Circles errichtet, die zum Ziel haben, auf inhaltlicher und Organisationsebene den niedrigschwelligen Ansatz das Programm der VHS digital zu erweitern. Hierdurch sollten keine einzelnen Projekte, sondern eine dauerhafte Implementierung realisiert werden.

Begleitet wurden alle Vorträge von erkenntnisreichen Diskussionen, die von Prof. Andreas Büsch, Lothar Harles, Dr. Karl Weber, Markus Schuck und Pit Holnick moderiert wurden. Am Ende der zweitägigen Fachtagungen waren sich die VeranstalterInnen und TeilnehmerInnen darin einig, dass politische Kommunikation in einer digitalisierten Gesellschaft online stattfinden muss, um eine Partizipation aller zu gewährleisten.

Prof. Andreas Büsch, Leiter der Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz, stellte ausdrücklich fest: „Voraussetzung gelingender Partizipation ist der gebildete Medien-Nutzer, wobei sich Medienbildung ebenso wie die Vermittlung von Medienkompetenz um Wertedebatten bemühen müssen. Denn die zentralen ethischen Herausforderungen digitaler Kommunikation liegen auf der Ebene der Menschenrechte und der Grundrechte der Meinungs- und Informationsfreiheit. Und die nötigen Abwägungen kann kein Algorithmus leisten.“

Lothar Harles, AKSB Geschäftsführer,  fragte nach den Grundwerten der Demokratie, die immer auch mündige Bürger braucht, und zog über die nationalen Aspekte hinaus die Linie zur globalen Verantwortung. „Alle Beiträge dieser Tagung haben deutlich gemacht, dass die Politische Bildung beim Themenfeld politische Kommunikation im Internet besonders gefordert ist. Vor den teilweise menschenverachtenden Diskussionsformen dürfen wir nicht resignieren, sondern müssen unser Engagement verstärken und den Diskurs dem Bürger suchen. Dabei sollten wir nicht nur die Jugendlichen in den Blick nehmen, sondern gerade die Zielgruppe der 35 bis 60jährigen. Eine Trendwende im Netzt wird die politische Bildung jedoch nicht allein schaffen:  Wir benötigen das Miteinander von Politik, Journalismus und Bildung, um den gesellschaftlichen Diskurs zu befördern und zu strukturieren,“ betonte Lothar Harles.

Für Joachim Becker, Direktor der hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR Hessen), stand am Ende der Tagung fest, dass die klassischen Medien immer noch relevant sind und für einen umfassenden Bildungs- und Informationsauftrag genutzt werden müssen. Dennoch müssten die Bemühungen zur Vermittlung von Medienkompetenz gestärkt werden, um angesichts der Entwicklungen im Bereich digitaler Medien den Menschen in einer digitalen Gesellschaft Partizipation zu ermöglichen. Der Weg hin zu einer Art Medienethik im Netz geht für ihn nur über die Brücke der Medienbildung und der Medienkompetenz, die am Ende in einer Art umfassender Digitalkompetenz aufgehe. Medienbildung insbesondere die Medienkunde und Medienkritik sowie die Reflektion er eigenen Mediennutzung seien entscheidend, um sich kompetent in der digitalisierten Umwelt zu bewegen. Damit zähle Medienbildung zu den Schlüsselkompetenzen.

„Mit der Tagung ist deutlich geworden, dass wir ein Thema diskutieren, dass allen unter den Nägeln brennt: den Bürgerinnen, Journalisten, Wissenschaftlern und Akteuren der Bildungsarbeit. Sie alle erkennen mit großer Sorge die Entwicklung der Kommunikation im Netz und suchen nach Gegenstrategien. Wir werden daher an unserer Reihe Digital 2020 auch im kommenden Jahr festhalten, um weiter gemeinsam mit Wissenschaft, Politik und Wirtschaft die Entwicklung der digitalen Gesellschaft kritisch zu verfolgen“, resümierte Gunter Geiger, Leiter des Bonifatiushaus in Fulda.

Mit diesem Vorhaben sind jedoch untrennbar weitere Fragen verbunden, die es zu klären gilt: Wie sieht eine Demokratie im Netz aus und was ist für ihre Umsetzung nötig? Welche Wege und Mittel sind für eine demokratische Öffentlichkeit notwendig? Wie kann der mündige Bürger, der Citoyen, durch Medienwirkungskompetenz gestärkt werden? Und wer trägt die Verantwortung für die Vermittlung dieser Kompetenz? Fragen, denen sich Politik, Bildung und Wissenschaft durchaus weiterhin stellen und auf die sie eine Antwort finden müssen.

Elisabeth Müller und Prof. Andreas Büsch (Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz an der KH Mainz), Markus Schuck (AKSB)