Das Fernsehen wird zum Testlabor - der Zuschauer zum Voyeur!

Wie weit darf Fernsehen gehen?

"Mit der Sendung Big Brother werden alle bisher geltenden gesellschaftlichen Konventionen gesprengt!" Das erklärte der Direktor der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk (LPR Hessen), Wolfgang Thaenert, nach der Auftaktsendung von RTL II zu Big Brother. In der Sendung wurde unter den Zuschauern dafür geworben, sich der "Herausforderung" zu stellen, für 100 Tage freiwillig auf jeden Kontakt zur Außenwelt zu verzichten und mit anderen ausgewählten Probanden unter ständiger Beobachtung des Fernsehens zu leben. Die Kandidaten müssen sich damit Labortestbedingungen ausliefern und ihre Privatsphäre einem Millionenpublikum preisgeben. "Die von RTL II angekündigte Sendeform zielt in einem Maß auf Voyeurismus ab, der die bisherigen Grenzen überschreitet." Thaenert bedauert, dass die Geschäftsführung von RTL II auch nach der in Deutschland schon heftig geführten Debatte nicht bereit ist, auf eine Ausstrahlung des niederländischen Sendeformats zu verzichten.

Zu den Aufgaben der Landesmedienanstalten zählt die Aufsicht über die Programme der privaten Fernsehsender. Sie haben zu prüfen, ob die Programme die gesetzlichen Vorschriften einhalten. Über eine rechtliche Handhabe im Vorfeld der Ausstrahlung verfügen die Landesmedienanstalten nicht. Sie können die ihnen übertragene Rechtsprüfung erst nach Ausstrahlung der Programme anstellen. Gleichwohl hat die LPR Hessen das Thema bereits innerhalb der Direktorenkonferenz (DLM) und der Gemeinsamen Stelle Jugendschutz und Programm (GSJP) der Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten (ALM) diskutiert. Die Gemeinsame Stelle, die schon im Talkshow-Bereich die Programmgrundsätze in einigen Fällen verletzt sah, schätzt das geplante Programmformat sehr kritisch ein. Sie wird – soweit dies auf Grundlage der jetzt verfügbaren Informationen bereits möglich ist – prüfen, ob die medienrechtlichen Bestimmungen tangiert sein könnten:
Nach dem, was die Auftaktsendung und das niederländische Vorbild zeigen, wirft Big Brother in juristischer Hinsicht vor allem die Frage auf, ob die Menschenwürde der Probanden respektiert wird. Hierbei spielt der psychische Druck, dem die Probanden sich aussetzen, ohne dass sie die möglichen negativen Folgen im Vorhinein hinreichend sicher abschätzen können, eine Rolle. Auch wird zu prüfen sein, ob die unter ständiger Beobachtung stehenden Probanden jeglicher Intimsphäre entkleidet werden und dies einer Verletzung ihrer Würde gleichkommt. Der Eindruck einer Isolierung und Entpersonifizierung drängt sich vor allem dadurch auf, dass die Probanden Gegenstand der Betrachtung sein werden, ohne jede Chance, vom Betrachter oder dessen Reaktion zu erfahren. Schließlich wird es für die Annahme einer Verletzung der Menschenwürde auch darauf ankommen, ob die Kandidaten "freiwillig", d. h. durch ihre freie Entscheidung zur Teilnahme, auf ihre Würde verzichten können.