Kurzfilmprojekt stärkt Sprachkompetenz von Flüchtlingen

Den Tag ihrer Ankunft in Deutschland vergessen sie nie. Drei Syrer, drei Iraker, ein Pakistani und ein Afghane. Rund ein Jahr ist ihre Flucht nun her, als sie, ohne deutsche Sprachkenntnisse, in das Land der Dichter und Denker kamen. Viel ist seither passiert. Mit Fleiß und dem festen Willen, etwas aus ihrer Zukunft zu machen, lernen sie seither in der Willy-Brandt-Schule in Gießen unter anderem die deutsche Sprache. Und sie entwickeln Zukunftsperspektiven! Im Rahmen eines medienpädagogischen Projekts mit dem Medienprojektzentrum Offener Kanal Gießen (MOK) entstanden im Zeitraum vom 2. – 7. November 2016 mehrere Kurzfilme. Sie thematisieren die Schwierigkeiten durch Sprachbarrieren und zeigen auf, welche Hürden im Erlernen einer fremden Sprache liegen. 

Am 11. November 2016, dem ‚Tag der offenen Tür‘ gewährt die Willy-Brandt-Schule interessierten Bürgerinnen und Bürgern Einblicke in ihre Bildungseinrichtung. Nicht nur die deutschen Schüler/innen bereiteten diesen Tag vor. Auch eine INTEA-Klasse für Geflüchtete zeigte Interesse, diesen besonderen Tag mitzugestalten. Ihre Klassenlehrerin Beate Allmenröder hatte im Vorfeld die Idee, mit den Schüler/innen Kurzfilme zum Thema ‚Sprache‘ zu produzieren. Ein vierköpfiges Team des MOK sowie Tabea Eifert (Schulsozialarbeiterin und Theaterpädagogin) unterstützten sie dabei tatkräftig. Ziel der kleinen Filme war es, einen Rollentausch zwischen Flüchtlingen und deutschen Mitbürger/innen zu vollziehen. Im Vorfeld des Medienprojekts entwickelte Eifert gemeinsam mit den Flüchtlingen passende Szenen und Geschichten. Darin avancierten sie zu Sprachexperten und erklärten deutschen Zuschauern, welche Sätze, Worte und Ausdrücke wirklich wichtig sind, wenn man erstmals in ein fremdes Land kommt. Grundlage der inhaltlichen Ausgestaltung der Filme waren vor allem die vielfältigen Erfahrungen der Flüchtlinge seit ihrer Ankunft in Deutschland. Tabea Eifert konstatiert: "Ich konnte in diesem Projekt viel Neues lernen. Nicht nur, weil ich jetzt einige Sätze auf Paschtu, Arabisch, Kurdisch und Urdu beherrsche, sondern vor allem, weil ich einen neuen, erfrischenden Zugang zu den oft problembelasteten Herkunftsgeschichten bekommen habe. Man stellt sich ja nicht alle Tage vor, welchen Satz man können muss, wenn man beispielsweise nach Syrien gehen will.“ Ein wichtiger erster Satz könnte von daher immer lauten: „Herzlich willkommen!"  

Bis auf die Dialoge in den Spielszenen wurde übrigens während des gesamten Medienprojekts ausschließlich Deutsch gesprochen. Alle Regieanweisungen und technischen Raffinessen, die die Flüchtlinge während des Drehs erlernten, konnten schnell, präzise und mit viel Spaß umgesetzt werden. Andreas Zollenkopf, Medienpädagoge des MOK, meinte abschließend: „Die Zusammenarbeit mit den jungen Flüchtlingen war von Anfang an herzlich. Ihr Auftreten, ihr Wissensdurst und ihre positive Ausstrahlung trugen zu einem sehenswerten Gesamtergebnis bei. Neben ihrem Spracherwerb konnten die Jugendlichen am Ende vor allem nachvollziehen, wie ein Film von der Idee bis zum fertigen Sendebeitrag entsteht. Das schärft Bewusstsein sowie ein kritisches Hinterfragen von audiovisuellen Medien.“ Khalida, Feras Khader, Mustafa, Abd, Sarmad, Yusuf, Rizwan und Abdullah waren am Ende auf ihr Gesamtwerk mächtig stolz. Ihre Filme unter dem Gesamttitel ‚Sprache spielt eine Rolle‘ werden am 18.11.2016 um 18.00 Uhr im Offenen Kanal Gießen ausgestrahlt.  

Das Medienprojektzentrum Offener Kanal Gießen ist eine Einrichtung der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien. Mit seiner Arbeit verfolgt es zwei Ziele: Zum einen bietet es allen hessischen Bürger/innen die Möglichkeit, gebührenfrei Fernsehtechnik auszuleihen, eigenen TV-Beiträge zu produzieren und lokal in Mittelhessen über den Offenen Kanal zur Ausstrahlung zu bringen. Zum anderen fördert das MOK Gießen den präventiven Jugendmedienschutz. Vor allem Kinder und Jugendliche erhalten so die Chance, einen kompetenten und souveränen Umgang mit Medien zu erlernen.